22. Selbsttäuschung

Aktualisiert: vor 3 Tagen
Täuschung ist die Form, in der das Eine sich als Zwei zeigt.
Sich der Selbsttäuschung zu entledigen, setzt die Einsicht in ihre Natur voraus.
Das bedeutet nicht, etwas zu verändern – sondern zu erkennen, dass es niemanden gibt, der sich täuschen könnte. Doch wer sollte das sein?
Täuschung zeigt sich, indem sie sich verbirgt, und erzeugt genau dadurch den Eindruck, nicht vorhanden zu sein.
Gern wird geglaubt, mit der eigenen Überzeugung richtig zu liegen.
Doch der Standpunkt, der sie trägt, ist selbst nur eine Erscheinung.
Aus der Perspektive dieses Standpunkts stimmt die Überzeugung zwar immer – selbst dann, wenn behauptet wird, zwei und zwei ergebe fünf.
Doch dass zwei und zwei fünf ergeben könnten, ist nicht Irrtum, sondern lediglich die Form, in der Perspektive sich zeigt.
Wahrheit und Irrtum sind nur zwei Bewegungsrichtungen im Bewusstsein.
Etwas irrtümlich für wahr zu halten, ist eine weitaus tückischere Form der Unwissenheit als bloßes Nicht-Wissen. Denn Scheinwissen wiegt in trügerischer Sicherheit.
Was als Gewissheit erscheint, ist nur die Form, in der Ungewissheit sich tarnt.
Scheinwissen und Wissen, Sicherheit und Unsicherheit sind nur Wellen im selben Feld.
Ganz gleich, auf welchem Gebiet Expertise behauptet wird: Der Verstand kann sich exakt im selben Maße täuschen wie diejenigen, die dieser Expertise voller Andacht vertrauen.
Auch Mensch und Verstand erscheinen selbst nur als Formen.
Der verengte Blickwinkel validiert sich stets von selbst – und übersieht dabei das Ganze.
Er bestätigt sich nicht, weil er recht hat, sondern weil er nur das spiegelt, was in ihm Platz hat. Genau in dieser Gewissheit, „recht zu haben“, dockt sich die Täuschung nahtlos an.
Selbsttäuschung ist immun gegen Korrektur, weil sie das Werkzeug nutzt, mit dem korrigiert werden müsste – den Verstand selbst.
Sie ist ein Meisterwerk der Verstandesarchitektur. Erst wenn sie durchschaut wird und abfällt, lässt sich rückblickend erkennen, wie raffiniert das Kartenhaus gebaut war.
Die Entlarvung der Täuschung trifft das Ego in seinem Kern.
Der Verstand lauscht bevorzugt den Narrativen, die seine eigene Existenz bestätigen.
Doch was als Selbstwert oder Kränkung erscheint, ist nur eine Regung ohne Besitzer.
Dabei zeigt sich das Absurde: Kaum eine dieser „eigenen“ Überzeugungen ist tatsächlich eigen. Es sind fremde Muster, Aufgeschnapptes, Konditionierungen, die nicht selten bis aufs Blut als das „Eigene“ verteidigt werden.
Gerade dort, wo der Mensch sich besonders erhaben fühlt, wo scheinbar Schöpferisches entsteht – bei den guten Ideen, den tiefen Einfällen oder einem gelungenen Gedicht –, greift die Täuschung besonders tief: Ein Einfall heißt so, weil er einfällt – von nirgendwoher.
Die Person erschafft ihn nicht; sie eignet ihn sich im Nachhinein nur an.
Der vermeintliche Dichter, Denker und Erfinder wird hier vollkommen entmystifiziert – er ist nicht der Urheber, sondern nur das Empfangsgerät, durch das der Gedanke strömt.
Das Prisma erzeugt das Licht nicht, der Lautsprecher erzeugt die Musik nicht.
Sie bringen lediglich wahrnehmbar zum Ausdruck, was durch sie hindurchgeht.
Die Einsicht, dass alles, was als gesichertes Wissen oder eigenes Werk beansprucht wird, nur aus Konditionierung und Projektion besteht, löst die Illusion des Urhebers auf.
Es gibt keinen Ursprung im Ich; es gibt nur das Auftauchen von Formen.
Wer blickt schon gern unvoreingenommen auf den Grund der Dinge, wenn dadurch das gesamte angesammelte Scheinwissen verdampft?
Das, was als Wissen erschien, war nur die Form, in der Nicht‑Wissen sich zeigte.
Und doch: Das ganze Drama um Täuschung, Verstand und Ego hat nie stattgefunden.
Es setzt ein Subjekt voraus, das getäuscht werden könnte.
Es bleibt nur das Sehen – ohne ein Ich, das sieht.
MiKUP101